gravity festival 2006 (tag 1)
KALEIDOSKOP (A), THE WRENS (USA), THE FRANK & WALTERS (IRL) und THE DEBRETTS (UK)

6.mai, 2006

ort: planet music, wien

werner + hermann

Hermann: "Glücklich und ein wenig traurig. Traurig, weil Musik, die auf FM4, diesem gehassliebten Radiosender, nicht läuft, praktisch unter Ausschluss der Öffentlichkeit existiert in dieser Stadt, auch wenn sie die gleichen Felder beackert im weiten Indie-/Alternative-Land. Traurig, weil die WRENS bloß 120, 130 BesucherInnen nicht verdient haben, genauso wenig wie PELLE CARLBERG die mehr als spärlichen ca. zwanzig ein paar Wochen zuvor (obwohl uns FM4 einen Sommer lang mit dieser schrecklichen, schrecklichen Coverversion seiner Ex-Band EDSON gequält hat), und die Hype-Maschine (der man allerdings zugute halten muss, dass sie Musik unters Volk bringt, die sonst vielleicht nirgendwo laufen würde) trägt durch ihr Powerplay und den Ausschluss davon ihren Teil dazu bei, während sie andere Konzerte (wie die STARS) mit-ausverkauft. Traurig auch, weil ich das großartigste, mitreißendste Konzert dieses Jahres vielleicht schon hinter mir habe.
Aber zurück zum Anfang: KALEIDOSKOP aus Wien fällt die Aufgabe zu, das Festival und den Abend vor - großzügig geschätzt - fünfzig Leuten zu eröffnen. Ihr Schrammelgitarren-Pop mit funky Einflüssen und deutschen Texten ist ok und die Stimmung ganz gut. Mir persönlich sind sie allerdings etwas zu lyrisch, und das Besingen einer Grille in irgendeinem Refrain löst dann meinen zwar erst wenige Wochen alten, aber immer früher und heftiger losgehenden BLUMFELD-Alarm aus, wofür diese vier jungen Männer natürlich nichts können."

Werner: "Naja, einerseits stimmt das mit den Hypes ja, andererseits freu ich mich auch immer wieder wenn gewisse Dinge nicht zum Quasi-Mainstream geworben werden. So hat man halt doch noch das Gefühl sich durch sein Interesse ein tolles Konzerterlebnis verdient zu haben. Machts irgendwie zu etwas Speziellem, und außerdem sieht man was von der Bühne. Mir ists immer noch lieber als wenn mich alle zwei Sekunden irgendwelche Kids auf der Suche nach dem next-big-thing anrempeln. Aber Du hast schon recht, die Band häätte sich schon eigentlich mehr verdient. Und die WRENS als Konzert zumindest des Jahres noch zu überbieten halte ich für unwahrscheinlich. War einfach geil.
Ich liebe diese Band ja schon ne ganze Zeit, und war mehr als überrascht, dass sowas überhaupt nach Österreich kommt. Hab mir ein nettes Indiekonzert vorgestellt, bei dem man mitschunkeln kann und sich freut, dass man die Lieder kennt. Und dann fängt ein Johnny Cash Klon erst an introvertiert auf der Bühne herumzuschrammeln, und plötzlich gehts mit einer Wucht los, die das ganze Publikum mal kurz Luft schnappen lässt. Eine volle Breitseite nach vorne. Was auf Platte wunderschön kommt, tut es jetzt auch noch, nur mit einer Energie die ich schon lange nicht mehr live erlebt habe. Und das bei wohl angehenden Vierzigern, Respekt. Der Bassist, zuerst noch.. eben nur ein Bassist wird zur Rampensau und entwickelt sich zum Mittelpunkt, der kalt/warm gibt, zwischen einer vollkommenen Hingabe an den Herzschmerz bis zum aggressiven Rockgehabe. Und trotzdem Faxen zu reißen.
Musikalisch wars für meine Ohren einfach perfekt - ungerade, intensiv und schön. Wenn sonst nicht viel, dann muss man dem Planet Music zugute halten, dass der Sound wirklich gelungen war. Hätte mir nur gewünscht, ein paar andere Nummern als die von der "Meadowlands" zu hören, auch wenn sie durchwegs großartige Liveadaptionen der selbigen waren.

Hab ich jetzt schon zuviel geschwärmt?"

Hermann: "Nur, wenn ich jetzt nicht mehr darf…

Dass uns die WRENS noch mit dem ersten Song fast aus den Schuhen blasen, habe ich auch nicht erwartet. Die vier Herren mit der 17-jährigen Bandgeschichte voller Hochs und Tiefs, diesem sympathischen Mythos (oder doch Wahrheit?) von Verweigerung gegenüber bösen Plattenbossen und dem Zwang-zum-bürgerlichen-Beruf und Trotzdem-Durchhalten, die bolzten und krachten auf ihren früheren Platten ja recht ordentlich. Insofern sind sie nur konsequent, wenn sie auch ihr aktuellstes Werk live Richtung Krach-Rock deuten. Dabei bleiben diese vielen kleinen, hübschen Melodien und Hooklines, die manchmal eine Zeit lang brauchen, um einen dann jedoch nicht mehr loszulassen, aber immer erkennbar. Super-sympathisch und für mich einer der Höhepunkte war, als die WRENS 10-15 BesucherInnen auf die Bühne holten, mit Drumsticks ausstatteten und sie den Grundbeat des nächsten Songs schlagen ließen. Sowas macht wirklich Stimmung. Wir waren überwältigt. Wir waren glücklich. Und an diesem Punkt muss ich dir zustimmen, solche magischen Momente wie bei den WRENS gibt es meist doch nur bei den kleineren Konzerten, da scheinen sich Bands und Publikum einfach mehr Mühe zu geben, wenn die Chemie zwischen ihnen stimmt.
Waren die FRANK & WALTERS jemals groß hierzulande? Dass sie im Freundes- und Bekanntenkreis kaum einer wirklich kennt, obwohl es die Band schon seit Anfang der 90er Jahre gibt, und der Publikumsschwund um etwa die Hälfte noch vor dem Auftritt des eigentlichen Headliners sprechen eher für das Gegenteil. Schade eigentlich, denn ihr kraftvoller, sympathischer Gute-Laune-Pop ergäbe einfache, gute Partymusik - wenn es denn eine Party gibt. Die war an diesem Abend aber schon vorbei, das Publikum vielleicht zu zurückhaltend oder schon müde, da war jedenfalls nicht mehr viel zu machen. Trotz hübscher Melodien, Mitsing-Refrains und mancher Erinnerung an alte Rave-Zeiten (das waren wohl eher ihre älteren Stücke) fand ich ihre Songs dann irgendwann doch zu wenig abwechslungsreich und auf Dauer etwas langweilig. Ihnen selbst schien im Laufe des Konzerts auch der Spaß verloren zu gehen.
Die unangenehmste Aufgabe hatten wohl die DEBRETTS aus London: den Abend als weitgehend Unbekannte zu beschließen, mit Beginn um ca. 23.45 Uhr, und wieder hat sich das Publikum um die Hälfte reduziert. Offenbar aber auf diese Situation eingestellt spielten sie gut gelaunt ihr etwa halbstündiges Set und verteilten Gratis-CDs.Die quirlige Sängerin, die ihren Stimmumfang von tiefsten Tiefen bis in kicksende Höhen auslotet, und der New Wave-Pop der DEBRETTS erinnerten mich heftig an die frühen SIOUXSIE AND THE BANSHEES."

Werner: "DEBRETTS? Ohne ingorant sein zu wollen, ist mir ihr Name genausowenig hängengeblieben wie ihre Musik. Irgendwie 0815 Radioquarks. Am Ende war das Tagesprogramm dann noch recht dünn, und es war auch einfach nicht mehr viel zu holen an dem Abend.Vom Spirit her konnte mit den WRENS niemand auch nur annähernd mithalten, und der ist im Endeffekt dann halt doch das wichtigste..."