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| gravity festival 2006 (teil 2) |
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GO DIE BIG CITY (A), NEGATIVE FOR FRANCIS (UK), CASIOTONE FOR THE PAINFULLY ALONE (USA), THE GLAS und...
THE WEDDING PRESENT (UK) |
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13.mai, 2006
ort: planet music, wien
werner + hermann
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Hermann: "19.30 Uhr ist offensichtlich zu früh für diese Stadt, GO DIE BIG CITY, eine erst seit etwa drei Monaten bestehende junge Wiener Band, eröffnet den Abend vor ca. dreißig Leuten. Ihr Sound bewegt sich zwischen Kinderzimmer und Schrottplatz, Melodica, Blockflöte, Xylophon und Keyboard, dazwischen bratzen und krachen Gitarre und Bass, der Schlagzeuger bearbeitet sein Instrument im Stehen. Ein bisschen erinnern die sechs mich an THROW THAT BEAT IN THE GARBAGECAN, sind aber deutlich lärmiger. Keck beginnen GO DIE BIG CITY einen Song mit der Melodie von "Love Will Tear Us Apart", um ihn wie alle anderen auch irgendwann auf eine charmant amateurhafte Art wieder zerfallen zu lassen, was vielleicht auch nur daran liegt, dass das Zusammenspiel mitunter noch nicht so gut klappt. Auf jeden Fall eine Band mit Charme und Potential."
Werner: "So zeitig schaff ich's auf kein Konzert…"
Hermann: "Nummer zwei dieses Abends sind NEGATIVE FOR FRANCIS aus London. Ein scheußliches Schweinerock-Gitarrensolo gleich im ersten Song und ihre aufgepeppte New Wave-Imitation schrecken mich bald ab. Definitiv nicht mein Fall."
Werner: "Da war ich dann schon da, hab es dann aber trotzdem lieber verpasst. Kurz reinhören war genug. Rockstarwollen ohne Herz und Seele. Scheußlich ist noch untertrieben, wäre nicht einmal ein faules Ei wert gewesen. Anders CASIOTONE, aber auch mit ihm bin ich an dem Abend nicht ganz warm geworden. Feine Musik um daheim einen kalten, einsamen Winterabend zu verbringen, aber in dem Kontext hat es mich eher frustriert, einem einsamen Knöpfchendreher zuzusehen."
Hermann: "Eingequetscht zwischen Rock-Acts konnte diese Musik nicht richtig funktionieren, ich würde den Herrn gern mal in einem kleinen Club spielen sehen. Ich fand den schüchternen Bären mit Vollbart und Nuschel-Bassgesang, allein mit seinem Elektronikpark, sehr sympathisch und die zwei, drei beatlastigeren Stücke auch live recht überzeugend. Nur seine Wohnzimmer-Coverversion von Cyndi Laupers "When You Were Mine" hat er leider nicht ausgepackt.
THE GLASS aus New York, deren Gesang mich ein bisschen an die MANIC STREET PREACHERS erinnerte, habe ich zwar über die volle Distanz geschafft, ihr Power-Pop mit Scratch-Elementen wirkte aber seltsam blutleer und uninspiriert. Ein mitreißender Song war da nicht dabei."
Werner: "Mit Verlaub, und milde gesagt: Scheußlich…"
Hermann: "Und dann hat das leicht bange Warten bald ein Ende: Seit 1988 hab ich Platten mit David Gedge drauf gekauft und selbst in meinen heftigsten Dancefloor-Phasen ein, zwei Stücke auf jeder von diesen einfach genial gefunden. Im Herbst 91 WEDDING PRESENT in der Wiener Arena gesehen, und bin mir heute nicht mehr sicher, ob sie damals wirklich umwerfend waren. Gegen 23.45 Uhr haben die meisten schon einige Stunden Stehen in den Beinen und wohl ein paar Bier intus, und trotzdem sind ab der ersten Minute alle Unsicherheiten Geschichte. Mit unglaublicher, selten gehörter Präzision spielen sich die vier (Schlagzeuger, Bassistin, zwei Gitarristen) quer durch das riesige Ouvre von WEDDING PRESENT und CINERAMA. Ob früher Schrammel-Pop wie "Kennedy", "Brassneck" oder "Why Are You Being So Reasonable Now", Noise-Rock wie "Dalliance" oder "Kansas" oder hübscher Pop-Song wie "Montreal" oder "Because I'm Beautiful", immer bilden Sound und Song eine perfekte Einheit, und die Band hält souverän das Gleichgewicht zwischen Melodie und - ich sag das mal so - heiligem Lärm. Sogar der ansonsten eher berüchtigte Sound des Planet Music hat ein Einsehen und ist dieses Mal einfach super. Jahre ist es her, dass ich eine derart Sog entwickelnde, perfekte Rockshow gesehen habe, GIRLS AGAINST BOYS fallen mir da ein, oder GUIDED BY VOICES. Tut der Mann was anderes als tüfteln am Sound? Kann man eine Band zu dieser Form des Zusammenspiels bringen, ohne ein absoluter Herrscher zu sein? Und wie kann man so viele wunderbare Lieder schreiben? David Gedge ist eine Diva, fürchte ich, hat in seinem musikalischen Leben unzählige MusikerInnen verbraucht und kündigt einen seiner eigenen Songs gar nicht bescheiden als "Indie Classic" an. Und trotzdem wirkt er irgendwie - altersmilde."
Werner: "Mild und wild zu gleich. Was soll ich da noch hinzufügen? Der Abend war ein langes Warten, der viel Geduld und Stehvermögen abverlangt hat, aber wie Du ja sagst, hat sich's einfach gelohnt. Erst war ich ein wenig enttäuscht, dass WEDDING PRESENT nicht in Originalbesetzung, sondern mit CINERAMA Verstärkung aufgetreten sind, aber nach dem dritten Song war aller Zweifel und der Rest des Abends vergessen und nur noch die Freude da. Freude darüber, so viele Songs zu hören, zu denen man so gern mitsingt. Und so kompakt gespielt wie man es vom Mitsingen vor dem guten, alten Plattenspieler kennt. Ein wenig nostalgisch, und dennoch, die Musik zeitgemäß wie nur irgendwas. Als wenn seit 1991 eigentlich keine Zeit vergangen wäre. Sehr schön war das…"
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