Eugene Chadbourne

23. juli, 2003

ort: köln, kulturbunker

dabei: stephan

Mit schlabrigen Tom und Jerry T-Shirt, wirrer Frisur und einem zusammengeflickten Gitarrencase, das schon alle Winkel dieser Erde gesehen zu haben scheint, betritt ein Veteran des experimentellen amerikanischen Musikundergrounds die Bühne des ehemaligen Bunkers.

Auf einem Stuhl, hinter einer als Pult zweckentfremdeten Coca-Cola-Kiste sitzend, und flankiert von Banjo und E-Gitarre, beginnt Chadbourne einen etwa 2-stündigen Set. Dabei bedient er sich aus einem unerschöpflichen Vorrat von Songs, die er umständlich aus einer abgewetzten Kladde heraussucht. Es folgt eine Verhackstückung amerikanischer Mythen. Mit Punkattitude werden uramerikanische Musiktraditionen wie Country, Folk, Blues, Rock, Hardcore und Freejazz miteinander verwoben. Die kunstvollen musikalischen Dekonstruktionen werden mit ironisch-sarkastischen Kommentaren zum aktuellen Zeitgeschehen versehen. So zum Beispiel „I support the troops, now I want my money back“ über die unfreiwillige Mitfianzierung des Irakkrieges und der Forderung die Steuergelder nun bitte wieder zurückerstattet zu bekommen. Aber Chadbournes Spitzfindigkeiten können auch ins Plakativ-Provokative abgleiten: so wird der ewige Easy Listening Klassiker „The Girl from Ipanema“ kurzerhand zu einem „Girl from Al Qaida“ uminterpretiert und die angestaubten Melodien einer spießigen Glückseeligkeit vom unerwarteten Einsatz, des, die explodierenden Granaten der ‘coolen Selbstmordattentäterin’ vertonenden Verzerrers unterbrochen.

Während des gesamten Konzertes spielen Improvisation und der geplante Einsatz des Zufalls eine tragende Rolle. Als zwei der vier Banjosaiten reißen fordert das Chadbourne erst recht zu einem mehrminütigen Solo heraus. Die neuen Verhältnisse wollen erkundet werden. Mit der leidenschaftlichen Faszination eines Exzentrikers lotet Chadbourne die neuen Möglichkeiten, des nunmehr stark reduzierten Klangrepertoires aus. Wie eine bloße Befriedigung des Spieltriebes mutet auch die weitere Bearbeitung der Gitarre an. Der Griff in den mitgebrachten „Kulturbeutel“ fördert die unterschiedlichsten Gegenstände zu Tage. So zum Beispiel eine Zahnbürste, die Chadbourne routiniert zwischen die Saiten der Gitarre klemmt, um sie auszuweiten und zu verzerren. Als sie schließlich herunterfällt wird dies lediglich mit einem desinteressierten Achselzucken quittiert. Überhaupt nimmt während des gesamten Auftritts Chadbournes Körpersprache eine wesentliche Rolle ein. Sei es, das er mit überzogener Mimik die verzerrten Töne seiner Gitarre kommentiert oder gespielt oberlehrerhaft das bierflaschenklimpernde Publikum zur Andacht mahnt.

Nach dem Konzert bestand die Möglichkeit aus einer Auswahl ansprechend gestalteter Tonträger ein Mitbringsel auszuwählen. Da mir mein leerer Geldbeutel einen Strich durch die Rechnung machte, bleibt offen ob der Charme, der ansprechend gestalteten CDs den Verlust des performativen Erlebnisses ausgleichen kann.


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