THE BOOKS

12. februar, 2006

ort: volksbühne, berlin

von jürgen

"Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, wie sie das live umsetzen wollen." Ich glaube, unter der Prämisse bin ich noch nie auf ein Konzert gegangen: - Sie: die BOOKS also, die auf CD landauf landab gesammeltes Tonbandmaterial mit selbst eingespielten Passagen gemischt und so ein ziemlich einzigartiges Klanggewebe geschaffen haben. Hat, trotz Banjo-Sound, ein wenig was vom PENGUIN CAFE ORCHESTRA, dachte ich mir beim erstmaligen Anhören von "Lost and Safe". Hab mich dann selbst gewundert, wie ich ausgerechnet darauf komme - war dann aber entsprechend glücklich, als die BOOKS beim Konzert selbst auf das PCO verwiesen. Aber der Reihe nach: "The BOOKS live am 12. Februar in der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz" stand in der "zitty" (und e-n-d-l-i-c-h mal ein wirklich verlockender Konzert-Termin während meiner zwei Berlinale-Wochen, die ich in den letzten Jahren immer ziemlich musiklos abspulen musste). In der Volksbühne war ich noch nie und daher entsprechend beeindruckt - ist ein bisschen so, als wäre unser Wiener Volkstheater mitsamt der alten Prunksubstanz vom WUK übernommen worden: Vorbei an den Plakaten der diversen KünstlerInnen-Gruppen und dem Skulpturengarten im Foyer, rein in den Großen Saal, und das stellt man sich jetzt am besten filmisch vor:

Alter - großer - Theatersaal mit Sitzreihen, gefüllt mit allem, was sicher nie im Volkstheater sitzen würde, junges Publikum ständig im Fluss, vorne eine enorme Bühne und auf der in einem kleinen erleuchteten Viereck Nick Zammuto an der Gitarre, Paul de Jong am Cello und eine Bandmaschine. Dahinter eine Riesenleinwand, dazwischen viel leerer Raum und andächtige Stille. Und auf den ersten Blick ist klar, wie sie also ihre Musik live umsetzen, so sehr sieht das alles nach einer klassischen Performance-Inszenierung aus. Was für mich übrigens ein positives Wort ist, ich mag ja auch Laurie Anderson sehr.

Die Aufgaben sind präzise verteilt: Nick übernimmt alle Gesangsteile, Paul einen Teil der Sprechpassagen, wie man sie von der CD her kennt - dies aber im steten Wechsel mit Nick und vor allem den eingespielten Samples. An "It never changes to stop" kann ich mich erinnern - da ich die Tonträger aber in erster Linie immer als durchgängigen Fluss wahrgenommen habe, spielen die BOOKS-Songs als Einzelkompositionen für mich keine so große Rolle wie bei anderen Bands. Live, ohnehin mit ein wenig mehr Biss gespielt, treten sie allerdings eine Spur stärker aus der Vollzeit-Collage hervor. Und das letzte Stück - Nick Drakes "Cello Song" auf wunderbar gelungene Art gecovert - zeigte: Wenn die BOOKS nur wollten, könnten sie jederzeit innerhalb herkömmlicher Pop-Strukturen arbeiten.

Zu Live-Musik und Tonsamples kommen im Konzert als dritte Ebene die Visuals auf der Großleinwand, und das können rein lautmalerische Illustrationen ebenso sein wie Bildmontagen von Produktionsabläufen, gemorphte NASA-Aufnahmen vom Titan oder skurrile Found Footage aus den 40er Jahren; mittendrin ein Trailer für das amerikanische Biosphere-Projekt (jenes überkuppelte High-Tech-Dorf, dessen Insassen Selbstversorgung ohne Kontakt zur Außenwelt für Weltraumeinsätze proben sollen), samt selbstkomponiertem "Soundtrack". Kindliches Staunen scheint ein wichtiger Grundzug im Bookschen Universum zu sein, und das heißt auch: Optimismus. Zum Teil sind es übrigens Tonfilmdokumente, und ein Paar der Tonspuren erkennt man von der CD wieder; die BOOKS waren auf ihrer Sammeltour als nicht nur mit dem Aufnahmerecorder unterwegs, sondern auch mit der Kamera.

Und das Wort präzise habe ich vorhin nicht umsonst benutzt, denn Präzision ist der unbedingte Schlüssel zur Live-Performance der BOOKS. Da visuelle und akustische Samples en masse eingesetzt werden und mit den unmittelbar gespielten und gesungenen Parts in Dialog treten, muss jeder Song ganz exakt getimt sein, bis hin zum Verklingen des letzten Schlussakkords. Raum für Improvisationen lässt das natürlich genau gar keinen. (Eine schöne Illustration und von den BOOKS mit Selbstironie getragen: Als sie nach dem zwölften Song ganz klassisch aufstanden und die Bühne vor den "Zugaben" verließen, zeigte ein Fenster auf der Leinwand mit unbekümmerter Konstanz "Song 13" und "Song 14", yet to play, an.) Ein herkömmliches Pop-Konzert darf man sich von den BOOKS also nicht erwarten, statt dessen … ja, wie wäre es schlicht und einfach mit Kunst. Auch wieder positiv gemeint, keine Sorge: das war - nicht zuletzt auch in Verbindung mit dem perfekt darauf abgestimmten Ambiente des Veranstaltungslokals - ein magischer Abend.

Ein Problem hab ich seit dem Konzert allerdings: Die BOOKS sind für mich jetzt nur noch unter Einbeziehung der visuellen Ebene komplett. Auf den CDs wird künftig einfach etwas fehlen ...



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