ein offener brief an b.fleischmann  

lieber bernhard!

danke für deine neue CD "welcome tourist". schönes cover! ich kann’s kaum abwarten die dicke vinyl-ausgabe (lp + 7"single + cd) zu sehen und natürlich zu kaufen. (anm.: bei der CD-version, die ich jetzt da habe, gibt es eine CD mit 11 stücken und eine auf der (nur?) ein 45 minütiges stück ist.)

CD2:

take your time: ich wollte mich erst mal an das "monster" setzen. zunächst: die nummer ist wunderschön. besonders der einsatz der steel guitar macht sich bezahlt und durch den kontrabass gibt es so eine annäherung in richtung TIED + TICKLED TRIO die denen auch ebenbürtig ist. ich hab mir die nummer gleich zweimal hintereinander angehört (in der zeit also, in der man sich einen ganzen spielfilm angucken könnte!). ich finde auch diese öffnung zu leuten wie dafeldecker, stangl und siewert super, weil in diesem zusammenhang (melodiös) kann ich denen ihre arbeit viel mehr wertschätzen, als von dem improvisierten zeux, das ich sonst bisher mitbekommen habe.

jetzt kommen die nörglereien:

45 min. ist zu viel. das wusste ich schon bevor ich die nummer gehört habe. auch wenn einiges passiert, kann man das ganze nicht als komposition sehen, die genug segmente hätte, die diese länge rechtfertigen würde. ich habe mir zwar die "zeit genommen" würde das aber nicht für jeden tun. solche stücke legt man auf um etwas anderes dabei zu tun. auch gut, aber eigentlich schade, wenn man bedenkt, wie viel mühe dahinter steckt. und dann finde ich, dass es der christoph kurzmann mit dem nasalierten-amigesang hier etwas übertreibt. bei "sleep" und bei der nummer mit den berlinern STATIC gefiel mir der gesang sehr gut, ich bin da also nicht voreingenommen gewesen. bei "take your time" aber, geht es mit ihm durch, und das ist knapp am peinlichen vorbei.

trotzdem, respekt! und wie gesagt, ist die nummer wunderschön, aber doch eher etwas für ruhige, gesetzte menschen und nicht für hektiker, wie mich, deren aufmerksamkeitsspanne nicht bis zur nächsten zigarette reicht…

CD1:

02/00: qualtinger liest thoreau. den track hörte ich zum ersten mal bewusst auf dem heldenplatz bei einer der zahlreichen widerstand-veranstaltungen. bei dieser waren ca. 4 leute anwesend ;-) es hat geregnet... jetzt sind die selben parteien an der macht, wie 02/00, viele haben sich arrangiert, der widerstand ist so gut wie verschwunden und so kann man hier dein statement zweifach interpretieren: entweder "alter hut" oder " ja, richtig! gehört mal wieder gesagt!" ich find's immer vernünftig, klare stellung zu beziehen, gerade bei elektronischer / instrumentaler musik. ach ja... musikalisch finde ich diesen track nicht soooo spektakulär (zu wenig drums, wie? keine? und solche synthie sounds mag ich nicht…), aber die hits kommen ja jetzt.

guided by beats: hübsches akkustik-gitarrensample, etwas piano, am schluss gibt es noch so eine art mundharmonika-rolle – ist das countrytronics? ein sehr schönes stück. hätte ruhig länger sein können! aber GUIDED BY VOICES-stücke waren früher ja auch eher nur skizzen. vielleicht deshalb der titel...

pass by: ja! jetzt kommen die drums, auch wenn das hier keine echten sind (?) sehr schönes stück mit der für dich typischen portion melancholie, die sich ja durch praktisch alle stücke zieht.

grunt: wieder ein schönes, ruhiges stück, jetzt mit 'echten' drums (!), und gleich schnellt der mitwippfaktor in die höhe! super! hit!

until the real thing comes along: hier scheint mal ein fieldrecording sample den rhytmus vorzugeben. irgendeine maschine arbeitet da stumpf vor sich hin. dann kommt eine bass-line wie aus bester TORTOISE-schule daher. dann gefiepse und drums (?). da denke ich schon nach 30 sekunden, dass ich das lieben werde - und dann ist plötzlich schluss! WIE SCHADE! nach dem break hätte dann die gesamte band losrocken sollen! (he, he). so hat es eher intro-charakter.

the blessed: schluss mit ruhig. das drumsample ist hektisch. die sounds etwas düsterer und zunächst auch "kühler" als auf den vorigen tracks. dann wird es wärmer durch viel distortion, und immer besser. würde ich jetzt gerne laut aufdrehen, aber dann kommt wieder die nachbarin.

as if: baut sich schön auf. wieder zeigt sich deine vorliebe für verzerrte sounds. noch verträumter (ambienter) als die bisherigen nummern.

waiting for you to come: das muss wieder ein echtes piano sein, oder? schöne harmonie! und im hintergrund schleicht sich das verzerre rein und wieder raus, bis die nummer richtig loslegt. während das piano stur die ruhe bewahrt, ist der elektr. rhytmus ziemlich hektisch. sollte ich mir unter kopfhörern anhören. da passiert mehr als man auf anhieb glaubt.

a letter from home: die perfekte nummer! klavier, schönes grundrauschen, echte (?) drums, etwas, das fast wie eine verzerrte gitarre klingt und dann noch das saxophon von christoph kurzmann. hit. vielleicht der hit?!

le desir: der erste bonus-track wo christoph kurzmann zu einem älteren stück von dir singt (Anm.: bei der vinyl-ausgabe werden die beiden ja auf der 7" single sein!). aber wo ist der noch mal drauf? ich kenn den doch?! aber egal! was ich so super finde, ist, dass christoph das ganze noch flotter, und auch irgendwie rhythmischer macht! da entsteht was neues und das ist sehr poppig, was mir natürlich sehr entgegen kommt!

sleep: noch besser als die nummer davor? (Anm.: sleep war in der instr.-version auf der gelben "sidonie"e.p.) herbst-hit.

fazit:

soundtüfteltechnisch wird auf der neuen cd viel mehr geboten als auf der ersten, was nicht zuletzt dem kontrast zu verdanken ist, den akustische instrumente (oder deren samples) einerseits und die noisigen elektronischen 'sounds’ andererseits schaffen. ob die songs, die ich bis jetzt als hits herausgehört habe, an die der ersten herankommen oder sie sogar überflügeln, kann ich beim besten willen nicht sagen. ich höre gerade "poploops for breakfast" noch mal, und habe die nummern schon so intus, dass ein vergleich noch unfair ist. aber wahrscheinlich ist das auch gar nicht dein anliegen gewesen die poploops neu aufzulegen, und das neue album soll eher als ganzes wirken. allerdings habe ich nicht den eindruck, dass das album dadurch weniger "accessable" wäre, was bei darla.com zum beispiel behauptet wurde. ich finde auch die ankündigung bei morrmusic.com etwas irritierend, die platte sei "rougher". wird sich wohl eher auf die sounds als auf die songs beziehen. die neue cd ist nämlich erheblich ruhiger und ambienter, als ich erwartet hätte.

jedenfalls hat es sich gelohnt, sich mit dieser platte mehr "zeit zu nehmen". sowohl für dich, denn man bekommt schon den eindruck, dass du hier sehr getüftelt hast, als auch für mich, der sich auf diesem wege mal bewusst überlegen durfte, was ihm warum gefällt, und das sicher auch noch eine weile mit "welcome tourist" im hintergrund tun wird. denn was ändert sich öfter als die wahrnehmung und beurteilung von musik?

in diesem sinne, alles gute, und ich freu mich schon, die neuen sachen live zu hören,

costa.

bernhards antwort gibt's hier!!!