ALABAMA 3

11/10/2005

ort: london astoria

werner

gibt es wohl eine bessere art einen london besuch zu planen, als um einen local gig von ALABAMA 3? da diese dort ja zum glück mit einer gewissen regelmäßigkeit stattfinden war es diesmal gar ein kleines jubiläum: mein zehntes ALABAMA 3 konzert in 5 jahren, und -vorweggenommen - keine einzige minute davon will vermisst werden. außerhalb der britischen inseln kennt die band kaum jemand, was auch an der kollektivartigen konstellation der band liegen mag, die weites touren wohl nicht so einfach machen dürfte. acht fixe bandmitglieder leisten sich die lokalmatadore aus brixton, neben einer klassischen besetzung etwa auch einen vollbeschäftigten percussionisten, mundharmonisten und eine bleichhäutige working-class version eines mc's.
alabama 3 was neben einer für englische verhältnisse äußerst angenehmen und treuen fangemeinde allerdings den besonderen reiz der heimspiele von ALABAMA 3 ausmacht, ist der akkustische und optische zusatz auf der bühne. waren es in der vergangenheit balkanviolinen, hulahooptänzerinnen und der obligate gospelchor, waren es beim diesjährigen herbstkonzert zum anlass der 'outlaw' tour unter anderem stripperinnen im indianerkostüm, ein can can assemble, ein digeridoo, zwei hip hopper und ein rappender wohl mindestens 80jähriger bruce richard reynolds, seines zeichens mastermind des legendären zugraubs mit ronnie biggs und co. beindruckend finde ich doch immer wieder die liebe zum detail bei ALABAMA 3 shows, etwa in form der beiden in london immer anwesenden stagesecurities der band. ein tätowierter hells angels-charakter und ein bierbäuchiger redneck mit spiegelbrille flankieren die bühne und stehen einfach nur da.

musikalisch haben ALABAMA 3 mit der entwicklung von acidhousecountry als musikfusion vor jahren neues terrain erobert. brixton goes tennessee. illustrieren tut sich das in einem treibenden bass mit viel beat in wunderbaren songstrukturen. dieses skellett, gepaart mit slidegitarren, mundharmonika, piano sowie gospel-, blues- und hip hop-elementen, schafft bei A3 besonders live eine einzigartige musikalische atmosphäre, die die frontstimme larry love neben seinem rollengewissen reverend d.wayne love diesmal cool vom barhocker aus souverän mit rauchender stimme anführt. neu ist die starke präsenz von permanent guest-sängerin devlin' love, die nun anscheinend die rolle der dritten frontfigur einnimmt.

der wirkliche schlüssel zu ALABAMA 3 sind jedoch weder die innovative musik noch das coole gehabe, sondern die ideologie. hinter einem theatralischen thema von südstaatenromantik, christlichem bekehrungswunsch und drogenbekenntnis steht ein ausgeprägtes politisches gewissen wie man es vielleicht nur noch von CHUMBAWAMBA in solch kontext kennt. bei ALABAMA 3 jedoch mit etwas selbstironie und humor und ohne auf einen pc status zu beharren. inhaltlich wird dem urbanen klassenkampf gehuldigt, soziale themen aufgegriffen und für britische verhältnisse in solcher größenordnung sehr linke politik im wahrsten sinne des wortes gepredigt. der besungene protagonist ist meist der soziale underdog - das perfektes identifikationsmodel für die jubelnden anwesenden, zu einem hohem prozentsatz menschen über 30 die wohl auch andere vorstellungen vom leben haben, als einem unterbezahlten nine to five job in einer bank nachzulaufen.

alabama 3 wie immer herrscht an diesem abend auf der bühne ein solch emsiges treiben, dass man beinahe den ton abschalten könnte ohne gelangweilt zu werden. musikalisch gibts kaum balladenhaftes und die band setzt voll auf den vergnügunsfaktor der heimspielathmosphere. die neue cd "outlaw" wird mit ausnahme der radiosingle "hello, i'm johnny cash", in der sich der working class protagonist als mann in schwarz fühlen darf, kaum promotet, und das set setzt sich überwiegend aus hits der ersten beiden alben "exile on coldharbour lane" und "la peste" zusammen. aber songs wie "u don't dance to techno anymore (...you don't dance to techno, hip hop or electro, so sad since she let it go.."!) , das soprano thema "woke up this morning (..got yourself a gun, mama always said you'll be the chosen one..."), "peace in the valley (...he don't know if he's a communist, a hedonist or a whore...") oder der "12 step plan" zur hingabe an reverend d.wayne, "hypo full of love" reichen ja zum glücklich sein. virtueller höhepunkt ist wie so oft bei A3 "mao tse tung said (... change must come through the barrel of a gun..."), jener tanzlastiger song mit einspielungen von mao's reden, bei dem die gesammte halle mit erhobener linker faust den worten maos über technobeats lauscht. ein gänsehautmoment mit gemischten gefühlen...

trotzdem soll musik so und nicht anders sein; intelligente unterhaltung mit hohem spaßfaktor und nötigem rückgrat. für mich eine der besten bands aller zeiten.

go to:  alabama3.co.uk>>>>

picture ©  werner
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